Neue Perspektiven

Die neue Basler Stadtgeschichte schafft einen innovativen Überblick über die Entwicklung Basels von den ersten Siedlungsspuren bis in die Gegenwart. Sie zeigt die Stadt als dynamisches Gebilde, das ständig neu geschaffen wird – von  den Menschen die in der Stadt wohnen, arbeiten, leben, politisieren, regieren, sich vergnügen, zu Gast sind. Und sie rückt die vielfältigen Beziehungen und Verflechtungen in den Blick, die Basel wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich oder auch verwandtschaftlich mit dem regionalen und internationalem Umfeld verbinden.

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Raum und Raumbezüge

Warum sieht unsere Innenstadt immer noch aus wie im Mittelalter? Wie entstehen neue Räume in einem begrenzten Gebiet? Was sagt uns die gebaute Stadt über Vergangenheit und Zukunft?

Die Entwicklung der „gebauten Stadt“ wurde in der bisherigen Geschichtsschreibung kaum beachtet. Dabei lässt sie sich anschaulich aufzeigen – vom Umgang und Handel mit Immobilien über Bauvorschriften bis zu Architektur und Planung. Diese Geschichte des Raums sagt auch einiges über das Leben, die Wertvorstellungen und Wünsche der Bewohnerinnen und Bewohner von Basel aus. Dabei geht es auch um die symbolische und gesellschaftliche Bedeutung von Räumen. Wie wird Raum wahrgenommen und was erzählen Räume über Ideen und Beziehungen zwischen den Menschen?

Eigenbild und Erinnerungskultur

Wie sehen uns die anderen? Wie provinziell oder wie international ist die Stadt? Und wie prägt unser Verständnis der eigenen Vergangenheit die Gegenwart?

Fragen der Fremd- und Eigenwahrnehmung beschäftigen Baslerinnen und Basler nicht nur heute. Stadt.Geschichte.Basel fragt nach den Bildern und Ideen, die sich die Stadt als Gemeinschaft gab und an denen sich die Stadt orientierte. Dabei kommt der Erinnerungskultur und den Geschichtsbildern, die im Laufe der Jahrhunderte entstanden sind, grosse Bedeutung zu. Sie finden sich nicht nur in Museen, sondern auch in Romanen oder Filmen. Die neue Stadtgeschichte leistet damit einen Beitrag , alte Selbstbilder zu hinterfragen und weiterzuentwickeln.

Was wir wissen - und was wir wissen möchten

Basel ist eine Stadt von europäischem Rang. Viele Aspekte der städtischen Geschichte sind erforscht worden, nicht zuletzt auch von Forschenden im Ausland. Das Wissen liegt in zahlreichen Einzelpublikationen oder auch unveröffentlichten Arbeiten vor. Dazwischen klaffen Forschungslücken in allen Zeitabschnitte der rund 2000jährigen Geschichte seit den ersten Siedlungsspuren.

Die Stadt vor der Stadt

Wie alt unsere Stadt tatsächlich ist, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Sicher ist: Zwischen 150 und 80 v. Chr. lebte auf dem Gebiet des heutigen Novartis-Campus eine Gruppe von Kelten, die von Cäsar und anderen antiken Autoren „Rauriker“ genannt wurden. Kurz vor Beginn der christlichen Zeitrechnung wurde die Siedlung Richtung Münsterhügel verschoben – ins Zentrum der späteren Stadt. Diese Vorgänge sind, obwohl über 2000 Jahre her, archäologisch gut dokumentiert. Dennoch gibt es auch für die Zeit, als die Stadt Basel nur eine vage Möglichkeit war, weiteren Forschungsbedarf: Es fehlt etwa eine systematische Kartierung der Siedlungsspuren aus den verschiedenen Epochen auf dem Münsterhügel. Auch die Erkenntnisse über das spätantik-frühmittelalterliche Gräberfeld in der Aeschenvorstadt sind noch nicht abschliessend ausgewertet.

Vom Bischofssitz zur Bischofsstadt

Basilika, Bazela, Basula, Robur - lange war nicht klar, wie die Siedlung auf dem Münsterhügel nun richtig genannt wird. So wechselvoll wie die Schreibweisen des Namens waren die Mächte, die im ersten Jahrtausend der modernen Zeitrechnung ihren Einfluss auf Basel geltend machten. Die Römer waren hier, die Alamannen und Franken, die Karolinger, die Burgunder. Ungeachtet wechselnder Herrschaftsverhältnisse wuchs die Stadt rund um den Münsterhügel kontinuierlich an. Mit Kirchen, Handwerksbetrieben, einer Stadtmauer. Spätestens ab dem 8. Jahrhundert residierte hier ein Bischof. Die Stadt erhielt jene Zentrumsfunktion, die sie bis heute innehat.

Dank archäologischen Ausgrabungen kennt man die Siedlungsreste aus den verschiedenen Epochen relativ gut. Über das Leben der Menschen ist hingegen nur wenig bekannt. Man weiss zwar, dass die Stadt florierte, besitzt aber nur geringe Kenntnisse über die Lebensumstände der Bewohnerinnen und Bewohner. Einige dieser Wissenslücken können mit Hilfe gezielter naturwissenschaftlicher Analysen geschlossen werden.

Die Bischofsstadt

Die erste Jahrtausendwende war für die Stadt – und ihre Geschichte – von grosser Bedeutung. Kaiser Heinrich III. gliederte Basel ins Heilige Römische Reich ein und verlieh ihr den Status einer „freien Stadt“, den sie bis ins 15. Jahrhundert behalten sollte. Die Rolle des Bischofs wurde im Reich gestärkt, er übte nun auch die weltliche Macht aus. Gleichzeitig begannen die Stadtbewohner, ihre Gegenwart in Dokumenten festzuhalten – und erleichtern damit die Arbeit der heutigen Forscherinnen und Forscher. Man weiss heute, dass die verschiedenen Verflechtungen zwischen Bischof, Kaiser, Fürsten und Bewohnern der Stadt nicht derart klar strukturiert waren, wie es die früheren Darstellungen beschrieben haben. Aufgabe von Stadt.Geschichte.Basel wird es sein, die Beziehungen der verschiedenen Akteure in der mittelalterlichen Stadt im Licht dieser Forschungsergebnisse neu zu interpretieren.

Stadtregiment

Emanzipation vom Bischof, Reformation, Loslösung vom Heiligen Römischen Reich, Eintritt in die Eidgenossenschaft und schliesslich: die Moderne. Zwischen 1300 und 1850 wurde die Stadt der Geistlichen und Adeligen zur Stadt der Bürger. Zur Stadt in ihrem heutigen Sinne. Verfassungshistorisch ist dieser Prozess gut aufgearbeitet. Was fehlt, ist ein umfassender Blick auf die gesellschaftlichen Veränderungen in dieser Zeit: Wie hat sich das Verhältnis zwischen Stadt und Land entwickelt? Wie jenes zwischen Rat und Stadtherr? Wie hat man sich mit den ausländischen Mächten arrangiert? Wie hat sich die Stadt in die konfessionell gespaltene Eidgenossenschaft eingefügt? Wie hat das grosse Erdbeben 1356 den städtischen Raum geprägt? Und wie veränderten die wirtschaftlichen Beziehungen nach Norden und Süden das Leben der Baslerinnen und Basler? Für die nachfolgende Entwicklung der Stadt ist diese Periode entscheidend – und trotzdem klaffen grosse Lücken in unserem Wissen. Stadt.Geschichte.Basel will diese Lücken schliessen.

Stadtkanton

Nach 1860 verändert sich Basel fundamental: Die Stadtmauern fallen, neue Quartiere entstehen, die Einwohnerstruktur wird auf den Kopf gestellt, gesellschaftliche Netzwerke und Eliten formieren sich neu. Das politische Territorium schrumpft mit der Abspaltung des neuen Kantons Basel-Landschaft, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Stadt nimmt zu, die politische Verfassung wurde umfassend demokratisiert, Aussenbeziehungen werden verstärkt, die Menschen werden in einem modernen Sinn mobil. Und doch bewahrt die „neue“ Stadt bei allem Wandel ein ausgeprägtes Gedächtnis für die Traditionen und Werte der „alten“ Stadt. Der Übergang von der alten zur neuen Stadt ist in seiner Gesamtheit bis heute nicht beschrieben worden. Stadt.Geschichte.Basel will wissen, wie die hier lebende Bevölkerung die fundamentalen Wandlungsprozesse erlebt, gestaltet und bewältigt hat. Wie verständigten sich die Menschen über die Stadterweiterung, den Aufbau einer städtischen Sozialpolitik oder die Ansiedlung von Industrien? Wie demokratisch waren diese Auseinandersetzungen? Welche Rolle spielten Geld, Zugang zu Wissen oder Netzwerken? Und wie haben die Menschen dieser Stadt die Veränderungen in ihrem Alltag wahrgenommen?

In den vergangenen Jahrzehnten wurden viele dieser Bereiche in Teilaspekten untersucht – zentrale Themen aber liegen noch im Dunkeln. Es gibt keine Industriegeschichte, keine Geschichte des Finanz- und Handelsplatzes Basel, keine umfassende Migrationsgeschichte, keine Religions- und Konfessionsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, keine Geschichte des sozialen Basels und des Gesundheitswesens, keine Geschichte der Grenzpolitik, keine Geschichte des Städtebaus und der Stadtplanung. Die Liste liesse sich beliebig verlängern.